Über die Anfänge der Jakobigemeinde
Vor tausend Jahren war unsere Gegend, das Gebiet südlich der Linie
Meißen - Nossen - Döbeln noch von Urwald bedeckt. Das Land nördlich
dieser Linie war nur locker von ackerbautreibenden Slawen besiedelt.
Noch heute zeugen die auf -itz, witz, -schütz, -itzsch und - a
endenden Namen von Dörfern von ihrem slawischen Ursprung, wie zum
Beispiel Miltitz, Robschütz, Mahlitzsch und Eula. Seit der Gründung
des Bistums Meißen 968 durch Kaiser Otto I. hatten die Slawen - nun
unter deutscher Herrschaft - das Christentum angenommen. Auf dem
Burgberg von Meißen residierten neben den Bischöfen die Markgrafen von
Meißen, seit 1089 solche aus dem Geschlecht der Wettiner.
Markgraf Otto von Meißen (ab 1156) rief aus Franken, Thüringen und
(Nieder-) Sachsen überzählige Ritter- und Bauernsöhne und deren
Familien ins Land, die sich hier eine neue Existenz schaffen sollten.
Neben der Gründung neuer Dörfer im slawisch besiedelten Gebiet, wie
z.B. Deutschenbora neben Wendischbora, rodeten einige von ihnen im
Urwald, wo zuvor nur wenige "böhmische Steige", z.B. für Salzfuhrleute
von Halle über das Gebirge führten oder wo slawische Fischer an
slawisch benannten Flüssen wie Bobritzsch und Weißeritz ihrem Handwerk
nachgingen. Für diese Rodungsdörfer suchten die die Siedler führenden
Ritter geeignete Plätze in den Tälern, wo Wasser als wichtigstes
Lebensmittel vorhanden und die Talhänge nicht zu steil für die
anzulegenden Äcker waren. Am Bach entlang - mit etwas Abstand -
steckte der Ortsgründer entweder auf einer Seite des Baches oder auf
beiden Seiten im Abstand von etwa 80 bis 100 Meter die Hofstellen für
die einzelnen Bauern ab. Diese rodeten den Wald rechtwinklig zum Bach
in 80 bis 100 Meter breiten Streifen hangaufwärts in solcher Länge,
dass das Feld für die Ernährung ihrer Familie ausreichte. Der Ritter
und Ortsgründer steckte für sich in diesen sogenannten
Waldhufendörfern meist ein breiteres Stück Land ab, auf dem das
Erbgericht entstand, daneben die Kirche, und in vielen Fällen wurde
das Dorf nach ihm benannt. So entstanden u.a. Orte wie
Kleinwaltersdorf, Conradsdorf, Berthelsdorf (von Berthold) und
Hilbersdorf (von Hildebrand). Auch heute ungebräuchliche Vornamen
finden wir in Dorfnamen, wie z.B. Tuto in Tuttendorf.
Die Jakobigemeinde entstand zwischen 1156 und 1162, als die des
einseitigen Waldhufendorfes Christiansdorf. Das Rittergut (Erbgericht)
wird im Bereich der ehemaligen Klosterschänke vermutet. Die Dorfkirche
stand dort, wo heute die Dürerschule steht und war wohl dem damals in
hoher Achtung stehenden Jacobus dem Älteren geweiht, zu dessen Grab in
Santiago de Compostela viel benutzte Pilgerwege auch durch die Mark
Meißen führten. Die Pfarrgasse war die Dorfstraße von Christiansdorf,
an der wir uns etwa acht bis zehn Bauernhöfe und von diesen ausgehend
die Waldhufen vorstellen müssen. So hat Christiansdorf damals
vielleicht fünfzig bis hundert Einwohner gehabt. Die geistliche
Oberaufsicht hatte der Bischof von Meißen, doch kümmerten sich darum
wohl auch die Mönche des 1162 gegründeten und 1175 mit Mönchen
besetzten Zisterzienserklosters Cella Sanctae Mariae (Altzella) bei
Nossen, dem Christiansdorf, Tuttendorf und Berthelsdorf von der
Gründung 1162 bis um 1170 gehört hatten.
Im Gegensatz zu den anderen Dörfern der Rodungszeit, die noch heute
bestehen, existierte Christiansdorf als Dorf nur wenige Jahrzehnte. Es
ging in der Zeit um 1180/1210 in der damals entstehenden Bergstadt
Freiberg auf und das kam so:
Im Umfeld der heutigen Gaststätte "Zum Oberberghauptmann" wurde 1168
der sogenannte Hauptstollngang, eine mit reichen Silbererzen
ausgefüllte, etwa 0,5 bis 1m breite Erdkrustenspalte entdeckt.
Markgraf Otto nahm deshalb - gegen reichlichen Ersatz bei Döbeln - den
Mönchen von Zella die Fluren von Christiandorf, Tuttendorf und
Berthelsdorf wieder ab, um über das Erz verfügen zu können, und erwarb
von Kaiser Barbarossa das Eigentumsrecht an allem, hier im Boden
verborgenen Silber. Dann gab er den Bergbau an jedermann frei, d.h.
jeder durfte überall nach Silber schürfen. Allerdings durften die vor
allem aus Goslar herbeieilenden Bergleute nur zwei Drittel des Silbers
behalten. Ein Drittel erhielt der Markgraf. Das war aber so viel, dass
er bald den Beinamen Otto "der Reiche" erhielt. Da das Erz gleich
unter der Grasnarbe zu finden war, entstanden auf dem Hauptstollngang,
also auf einer Linie, die heute durch das Krankenhaus, die
Terrassengasse, das Gasthaus "Zum Oberberghauptmann", den Helmertplatz
und den Roten Weg markiert wird, und auf weiteren, damals entdeckten
Erzgängen zahlreiche kleine Tagebaue, Schächte geringer Tiefe und
Halden, die in den folgenden Jahrhunderten natürlich wieder eingeebnet
wurden. Die Bergleute siedelten sich außerhalb der Bauernhöfe, vor
allem vermutlich auf dem Gebiet Donatsfriedhof/Schmiedestraße an. Von
Christiansdorf aus gesehen jenseits des Münzbachtales entstand eine
Keimzelle der Stadt Freiberg mit Handwerkern, Kaufleuten und wohl auch
Bergleuten mit der Nikolaikirche als erster Stadtpfarrkirche. Nachdem
sich in der Folgezeit noch das Domviertel und das Petriviertel
herausgebildet hatten, faßte um 1220 Markgraf Dietrich der Bedrängte,
ein Sohn Ottos des Reichen, mit einer Stadtmauer die Stadt Freiberg
zusammen und damit war der größere Teil des Dorfes Christiansdorf zu
der Stadtgemeinde St. Jakobi geworden, die heute noch besteht.
Otfried Wagenbreth |